Ernährung
Muss Hundefutter getreidefrei sein? Eine ehrliche Einordnung
Sind Hunde reine Fleischfresser, macht Getreide krank oder dick? Was die Forschung zu getreidefreiem Hundefutter sagt und für welche Hunde es sinnvoll ist.

„Getreide ist Füllstoff“, „Hunde sind reine Fleischfresser“, „Getreide macht krank und dick“ – solche Sätze findet man auf vielen Futterpackungen und in Foren. Auch auf dieser Seite stand früher, Hundefutter solle unbedingt getreidefrei sein. Diese Aussage halten wir nach heutigem Wissensstand nicht mehr für richtig und haben den Beitrag deshalb vollständig neu geschrieben.
Die kurze Antwort: Die meisten Hunde vertragen Getreide gut. Getreidefreies Futter ist nicht schlecht, aber auch nicht automatisch besser. Für einige Hunde kann es die richtige Wahl sein. Im Folgenden erfahren Sie, was hinter den gängigen Behauptungen steckt und wie Sie für Ihren Hund entscheiden.
Ist der Hund ein reiner Fleischfresser?
Nein. Zoologisch gehört der Hund zur Ordnung der Raubtiere, und Fleisch ist ein wichtiger Teil seiner Ernährung. Seine Verdauung unterscheidet sich aber deutlich von der des Wolfs.
Ein schwedisches Forschungsteam um Erik Axelsson verglich 2013 das Erbgut von Hunden und Wölfen (Nature, 2013). Unter den Genen, die sich während der Domestikation verändert haben, fanden sich mehrere, die für die Verdauung von Stärke wichtig sind. Besonders auffällig: Hunde tragen meist deutlich mehr Kopien des Gens AMY2B als Wölfe. Es enthält den Bauplan für ein Enzym der Bauchspeicheldrüse, das Stärke aufspaltet. Die Forschenden deuten das als Anpassung an ein Leben in der Nähe des Menschen, als Hunde auch Essensreste mit Getreide fraßen.
Eine Folgestudie zeigte, dass die Zahl der AMY2B-Kopien je nach Rasse und Herkunft schwankt (Arendt et al., Heredity 2016). Hunde aus Regionen mit alter Ackerbautradition haben tendenziell mehr Kopien als etwa Schlittenhunde aus dem hohen Norden. Die Anpassung ist also nicht bei jedem Hund gleich stark – aber der Hund ist eindeutig kein Wolf, der nur Fleisch verträgt.
Wichtig ist auch: Hunde verwerten Stärke vor allem dann gut, wenn sie aufgeschlossen ist, also gekocht, gebacken oder extrudiert, wie es bei Fertigfutter der Fall ist.
Fehlt Hunden ein Enzym für Gluten?
Diese Behauptung ist weit verbreitet, aber falsch. Hunde verdauen Gluten wie andere Eiweiße auch mit den üblichen eiweißspaltenden Enzymen. Ein spezielles „Gluten-Enzym“, das ihnen fehlen würde, gibt es nicht.
Es gibt allerdings Ausnahmen: Bei einzelnen Linien des Irish Setters ist eine erbliche glutenempfindliche Darmerkrankung beschrieben. Solche Fälle sind selten und gehören in tierärztliche Hände – sie rechtfertigen keine allgemeine Getreideverbannung.
Ist Getreide ein häufiger Allergieauslöser?
Echte Futtermittelallergien kommen bei Hunden vor, sind aber seltener als Allergien gegen Umweltstoffe oder Flohspeichel. Welche Zutaten am häufigsten Probleme machen, hat ein Team um den Münchner Tiermediziner Ralf Mueller 2016 ausgewertet (BMC Veterinary Research). Ergebnis: Bei Hunden waren Rind, Milchprodukte, Huhn und Weizen die häufigsten Auslöser – gefolgt von weiteren Zutaten wie Soja, Lamm, Mais oder Ei in geringerer Häufigkeit.
Das heißt: Weizen kann eine Allergie auslösen, ist aber nur einer von mehreren möglichen Auslösern. Tierische Eiweiße spielen eine mindestens ebenso große Rolle. Wer bei Juckreiz einfach auf „getreidefrei mit Huhn“ umsteigt, tauscht womöglich einen möglichen Auslöser gegen einen anderen.
So wird eine Futtermittelallergie festgestellt
Bluttests auf Futtermittelallergien gelten bei Hunden als unzuverlässig. Der verlässliche Weg ist eine Ausschlussdiät unter tierärztlicher Begleitung:
- Mehrere Wochen lang ausschließlich ein Futter mit einer Eiweiß- und einer Kohlenhydratquelle, die der Hund noch nie bekommen hat – oder ein spezielles Futter mit aufgespaltenem Eiweiß (hydrolysiert).
- Keine Leckerlis, Kauartikel, Tischreste oder aromatisierten Tabletten in dieser Zeit.
- Bessern sich die Beschwerden, wird das alte Futter wieder gegeben. Kehren sie zurück, ist eine Futtermittelallergie wahrscheinlich.
- Danach lassen sich einzelne Zutaten gezielt testen.
Macht Getreide dick?
Übergewicht entsteht, wenn ein Hund dauerhaft mehr Energie aufnimmt, als er verbraucht – egal aus welcher Quelle. Fett liefert pro Gramm mehr als doppelt so viel Energie wie Kohlenhydrate oder Eiweiß. Ein fettreiches getreidefreies Futter kann also sogar kalorienreicher sein als ein Futter mit Getreide.
Hinzu kommt: „Getreidefrei“ bedeutet nicht „kohlenhydratfrei“. Statt Weizen oder Reis stecken dann oft Kartoffeln, Süßkartoffeln, Erbsen, Linsen oder Tapioka im Futter. Die Stärke kommt nur aus einer anderen Quelle.
Entscheidend gegen Übergewicht sind die richtige Futtermenge, angerechnete Leckerlis und genug Bewegung.
Getreidefrei und Herzerkrankung: die FDA-Untersuchung
Im Juli 2018 begann die US-Arzneimittelbehörde FDA, Meldungen über eine Herzmuskelerkrankung bei Hunden zu untersuchen, die dilatative Kardiomyopathie (DCM) (FDA-Übersicht). Auffällig war, dass viele betroffene Hunde Rassen angehörten, die sonst selten an DCM erkranken, und dass viele von ihnen Futter bekommen hatten, das als „grain-free“ vermarktet wurde und viel Erbsen, Linsen, andere Hülsenfrüchte oder Kartoffeln als Hauptzutaten enthielt.
Im Dezember 2022 erklärte die FDA, sie werde bis auf Weiteres keine regelmäßigen Zwischenberichte mehr veröffentlichen. Die gemeldeten Fälle allein reichten nicht aus, um einen ursächlichen Zusammenhang zu belegen. Die Forschung dazu läuft weiter.
Wie ist das einzuordnen? Getreidefreies Futter ist durch die Untersuchung nicht als gefährlich überführt – aber auch nicht entlastet. Die Frage ist schlicht offen. Wer getreidefrei füttert, kann darauf achten, dass Hülsenfrüchte nicht die Hauptzutaten sind, und bei Anzeichen wie Husten, schneller Atmung in Ruhe oder nachlassender Belastbarkeit zeitnah die Tierarztpraxis aufsuchen.
Wann getreidefreies Futter sinnvoll sein kann
Getreidefrei ist keine Ideologie, sondern eine Futteroption. Sinnvoll sein kann sie zum Beispiel:
- bei einer nachgewiesenen Unverträglichkeit gegen Weizen oder ein anderes Getreide,
- im Rahmen einer Ausschlussdiät, wenn Getreide als Auslöser getestet werden soll,
- wenn Ihr Hund ein bestimmtes getreidefreies Futter nachweislich gut verträgt und damit gesund ist – dann gibt es keinen Grund zu wechseln.
Einen Überblick über getreidefreies Hundefutter und die Bandbreite der Angebote finden Sie auf getreidefreieshundefutter.net. Unabhängig davon, ob mit oder ohne Getreide: Achten Sie vor allem darauf, dass es sich um ein Alleinfuttermittel handelt, das zur Lebensphase Ihres Hundes passt.
Worauf es beim Futter wirklich ankommt
Ob mit oder ohne Getreide ist für die meisten Hunde zweitrangig. Wichtiger sind:
- Alleinfuttermittel mit vollständiger Nährstoffversorgung
- eine verständliche Kennzeichnung mit Zutaten und analytischen Bestandteilen
- eine plausible Fütterungsempfehlung, die Sie am Gewicht Ihres Hundes überprüfen
- gute Verträglichkeit: fester Kot, gutes Fell, stabiles Gewicht
Wie Sie ein Futter Schritt für Schritt selbst prüfen, lesen Sie im Ratgeber Hundefutter im Test: Darauf kommt es an.
Wann Sie zur Tierarztpraxis sollten
Bei anhaltendem Juckreiz, wiederkehrenden Ohrentzündungen, dauerhaft weichem Kot, Erbrechen oder Gewichtsverlust lohnt sich eine tierärztliche Abklärung, bevor Sie auf eigene Faust das Futter wechseln. Hinter solchen Beschwerden stecken häufig Ursachen, die mit dem Futter nichts zu tun haben – etwa Parasiten oder Umweltallergien. Einen Überblick über Warnzeichen finden Sie im Ratgeber Hundekrankheiten.
Häufige Fragen
Ist getreidefreies Hundefutter ungesund?
Nein, nicht grundsätzlich. Ein ausgewogenes getreidefreies Alleinfutter kann einen Hund gut versorgen. Wegen der offenen DCM-Frage ist es sinnvoll, auf Futter zu achten, in dem Hülsenfrüchte nicht die Hauptzutaten sind.
Welches Getreide vertragen Hunde gut?
Gut aufgeschlossen, also gekocht oder im Fertigfutter verarbeitet, werden Reis, Hafer, Hirse, Mais und Weizen von den meisten Hunden gut verwertet. Rohes Getreide ist für Hunde dagegen schwer verdaulich.
Mein Hund kratzt sich – soll ich auf getreidefrei umstellen?
Besser zuerst die Ursache klären lassen. Juckreiz hat viele Gründe, und Getreide ist dabei eher selten der Auslöser. Wenn eine Futtermittelallergie infrage kommt, ist eine gezielte Ausschlussdiät der richtige Weg.
Ist getreidefrei besser für Welpen?
Nein. Für Welpen zählt vor allem ein vollwertiges Welpenfutter mit passendem Energie-, Kalzium- und Phosphorgehalt – das gibt es mit und ohne Getreide.
Fazit
Hunde sind keine Wölfe und keine reinen Fleischfresser. Sie können Stärke aus Getreide gut verwerten, und eine Getreideallergie ist selten. Getreidefreies Futter ist eine Option für Hunde, die es brauchen oder gut damit fahren, aber keine Pflicht für alle. Wer das Futter nach Qualität, Verträglichkeit und passender Menge auswählt statt nach Werbeversprechen, macht für seinen Hund alles richtig.
Quellen und weiterführende Informationen (4)
- Axelsson et al. (2013): The genomic signature of dog domestication reveals adaptation to a starch-rich diet, Nature
- Arendt et al. (2016): Diet adaptation in dog reflects spread of prehistoric agriculture, Heredity
- Mueller, Olivry & Prélaud (2016): Common food allergen sources in dogs and cats, BMC Veterinary Research
- FDA: Investigation into Potential Link between Certain Diets and Canine Dilated Cardiomyopathy


