Erziehung
Hund zieht an der Leine: So lernt er Schritt für Schritt, locker zu laufen
Warum Hunde an der Leine ziehen und wie Sie lockeres Laufen mit Belohnung, Geduld und passendem Geschirr aufbauen – ganz ohne Leinenruck und schmerzhafte Mittel.

Der Hund zieht vorneweg, der Arm wird lang, und jeder Spaziergang fühlt sich wie Arbeit an. Leinenziehen gehört zu den häufigsten Alltagsproblemen mit Hunden – und zu denen, die sich am besten lösen lassen. Voraussetzung ist, dass Sie verstehen, warum Ihr Hund zieht, und ihm klar zeigen, was sich stattdessen lohnt.
Die Methoden, die hier beschrieben sind, kommen ohne Leinenruck, ohne Schmerzen und ohne Einschüchterung aus. Das ist nicht nur freundlicher, sondern auch wirksamer: Ein Hund, der gern neben Ihnen läuft, braucht keine Korrektur.
Warum Hunde an der Leine ziehen
Die Erklärung ist unspektakulär: Hunde sind schneller als wir, und alles Interessante liegt vorn. Zieht der Hund und kommt dadurch voran, hat sich das Ziehen gelohnt. Das passiert auf jedem Spaziergang hundertfach – ein sehr gründliches Training, nur in die falsche Richtung.
Mit „Rangordnung“ oder dem Wunsch, „die Führung zu übernehmen“, hat Leinenziehen nichts zu tun. Diese Deutung stammt aus einer überholten Vorstellung vom Zusammenleben mit Hunden. Hilfreicher sind nüchterne Fragen:
- Was will der Hund erreichen? Einen Geruch, einen anderen Hund, die Wiese, den Heimweg?
- Wann zieht er am stärksten? Am Anfang des Spaziergangs, bei bestimmten Reizen, auf dem Rückweg?
- Ist er überdreht oder unsicher? Ein aufgeregter oder ängstlicher Hund kann sich schlechter konzentrieren. Die Signale dafür beschreibt unser Beitrag zur Körpersprache.
- Ist er ausgelastet? Ein junger, energiegeladener Hund, der den ganzen Tag gewartet hat, zieht in den ersten Minuten fast immer.
Warum Leinenruck und Stachelhalsband keine Lösung sind
Lange galt der Leinenruck als Standardmittel. Heute wissen wir: Er lehrt dem Hund nicht, was er tun soll, sondern nur, dass die Leine unangenehm ist. Viele Hunde verknüpfen den Schmerz mit dem, was sie gerade sehen – etwa einem anderen Hund. So kann aus Leinenziehen Leinenaggression werden.
Hinzu kommt die Belastung für den Körper. In einer Untersuchung von Pauli und Kollegen (2006) stieg der Augeninnendruck von Hunden deutlich, wenn Druck über ein Halsband ausgeübt wurde, nicht aber über ein Geschirr. Die Autoren empfehlen Hunden mit Augenerkrankungen wie Glaukom deshalb ein Geschirr.
Rechtlich ist die Lage eindeutig: Die Tierschutz-Hundeverordnung verbietet seit 2022, bei Ausbildung, Erziehung oder Training von Hunden Stachelhalsbänder oder andere für den Hund schmerzhafte Mittel einzusetzen. Geräte, die über Strom wirken, sind nach § 3 Nr. 11 des Tierschutzgesetzes ohnehin untersagt. Welche Hilfsmittel aus tierärztlicher Sicht nicht in die Hundeerziehung gehören, fasst die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz in einem eigenen Merkblatt zu tierschutzwidrigem Zubehör für Hunde zusammen.
Das richtige Handwerkszeug
Brustgeschirr
Ein gut sitzendes Brustgeschirr verteilt den Zug auf den Brustkorb statt auf den empfindlichen Hals. Achten Sie darauf, dass es die Schultern frei bewegen lässt, nicht in die Achseln scheuert und so eng sitzt, dass der Hund nicht herausschlüpfen kann. Ein Geschirr allein macht noch keinen leinenführigen Hund, aber es schützt ihn, solange er noch lernt.
Leine
Eine normale Führleine von etwa zwei bis drei Metern gibt dem Hund etwas Spielraum und Ihnen trotzdem Kontrolle. Rollleinen sind für das Training ungeeignet: Sie stehen immer unter leichtem Zug, und der Hund lernt, dass Ziehen mehr Leine bringt.
Belohnungen
Stecken Sie sich kleine, weiche Leckerchen ein, die der Hund schnell fressen kann. Genauso wertvoll sind Belohnungen, die der Spaziergang selbst bietet: Schnüffeln, eine Wiese erkunden, einen Hundefreund begrüßen. Diese Dinge setzen Sie gezielt als Lohn für lockere Leine ein.
Das Training: Schritt für Schritt
Schritt 1: Die Belohnungsposition aufbauen
Beginnen Sie in der Wohnung oder im Garten, wo nichts ablenkt. Stellen Sie sich hin, der Hund an lockerer Leine. Immer wenn er neben Ihnen steht oder geht, geben Sie ihm ein Leckerchen genau an Ihrer Hosennaht, auf der Seite, auf der er laufen soll. So lernt er: Dieser Platz neben dir ist ein guter Ort.
Gehen Sie dann ein paar Schritte und belohnen Sie nach jedem Schritt, an dem die Leine locker bleibt. Anfangs sehr häufig, später seltener. Wer mit einem Markersignal arbeitet, kann den richtigen Moment damit punktgenau bestätigen – wie das funktioniert, zeigt unser Beitrag zum Clickertraining.
Schritt 2: Stehenbleiben, wenn die Leine straff wird
Sobald die Leine sich spannt, bleiben Sie ruhig stehen. Kein Zerren, kein Schimpfen, einfach stehen. Warten Sie, bis der Hund die Spannung selbst löst – er dreht sich um, macht einen Schritt zurück oder die Leine hängt wieder durch. Genau in diesem Moment loben Sie und gehen weiter.
Der Hund lernt: Ziehen bringt mich nicht voran, lockere Leine schon. Das braucht anfangs viel Geduld, und ein Spaziergang dauert mit dieser Methode deutlich länger. Planen Sie für Trainingsrunden deshalb Zeit ein.
Schritt 3: Richtung wechseln
Zieht Ihr Hund stark zu einem Ziel, drehen Sie freundlich um und gehen einige Schritte in die andere Richtung. Sprechen Sie ihn dabei an oder locken Sie ihn mit einem Leckerchen mit – ohne an der Leine zu rucken. Folgt er Ihnen mit lockerer Leine, loben Sie und nähern sich dem Ziel erneut. Bleibt die Leine locker, darf er zum Ziel.
Schritt 4: Die Umwelt als Belohnung nutzen
Möchte Ihr Hund an einem Grasbüschel schnüffeln, machen Sie genau das zur Belohnung. Er geht ein paar Schritte locker neben Ihnen, dann erlauben Sie ihm mit einem Signal wie „Lauf schnüffeln“ zum Grasbüschel zu gehen. So wird der Spaziergang zur Teamarbeit: Lockere Leine öffnet die Tür zu allem, was den Hund interessiert.
Schritt 5: Ablenkung langsam steigern
Was im Flur klappt, klappt nicht automatisch in der Fußgängerzone. Steigern Sie die Schwierigkeit in kleinen Schritten: erst der ruhige Hof, dann eine wenig begangene Straße, später der Park. Wenn Ihr Hund wieder zieht, war der Schritt zu groß. Gehen Sie eine Stufe zurück.
Management: Solange das Training noch läuft
Jeder Spaziergang, bei dem der Hund mit Ziehen Erfolg hat, arbeitet gegen Ihr Training. Ganz vermeiden lässt sich das im Alltag nicht, aber Sie können es begrenzen:
- Trainings- und Alltagsrunden trennen. Üben Sie in kurzen, konzentrierten Einheiten. Auf Wegen, auf denen Sie einfach ankommen müssen, nutzen Sie ein Geschirr als „Alltagsausrüstung“. Einige Trainer arbeiten zusätzlich mit einem eigenen Signal für den Trainingsmodus.
- Erst auslasten, dann üben. Ein Hund, der zuerst im Garten spielen oder auf einer Freilauffläche rennen durfte, kann sich an der Leine besser konzentrieren.
- Ruhigere Zeiten und Wege wählen. Solange Ihr Hund noch lernt, meiden Sie die Hauptverkehrszeiten auf der Hundewiese.
- Schleppleine für Freiraum. Auf geeigneten Flächen gibt eine lange Leine am Geschirr dem Hund Bewegungsfreiheit, ohne dass er frei laufen muss.
Sonderfall: Ziehen zu anderen Hunden
Zieht Ihr Hund vor allem, wenn andere Hunde auftauchen, und bellt oder springt er dabei in die Leine, steckt meist mehr dahinter: Frust, weil er nicht hin darf, oder Unsicherheit. Hier hilft reines Leinentraining nicht weiter. Vergrößern Sie den Abstand, bis Ihr Hund noch ansprechbar ist, und belohnen Sie ruhiges Hinschauen. Unser Beitrag Hund bellt geht genauer auf solche Begegnungen ein. Bei starken Reaktionen lohnt eine Trainerin oder ein Trainer mit Erfahrung in belohnungsbasiertem Training.
Und das Kopfhalfter?
Ein Kopfhalfter wird um Schnauze und Hinterkopf gelegt; zieht der Hund, wird sein Kopf zur Seite gedreht. Manche Trainer setzen es bei sehr kräftigen Hunden ein. Es muss aber sorgfältig und in kleinen Schritten eingewöhnt werden, viele Hunde empfinden es zunächst als unangenehm. Die Leine darf daran nie rucken oder mit Schwung gespannt werden, weil das die Halswirbelsäule belasten kann. Wenn Sie ein Kopfhalfter in Betracht ziehen, lassen Sie sich die Anpassung und Eingewöhnung von einer erfahrenen Fachperson zeigen.
Wie lange dauert es?
Das hängt vom Hund, seinem Alter und davon ab, wie lange er das Ziehen schon geübt hat. Welpen lernen oft schnell, erwachsene Hunde mit jahrelanger Zieh-Erfahrung brauchen mehr Zeit. Erste Fortschritte in ablenkungsarmer Umgebung sind häufig nach wenigen Tagen zu sehen. Bis es auch in schwierigen Situationen klappt, vergehen oft Wochen bis Monate. Entscheidend ist, dass alle, die mit dem Hund spazieren gehen, nach denselben Regeln vorgehen.
Wann Sie genauer hinschauen sollten
Ein Hund, der plötzlich stärker zieht als sonst oder an der Leine hektisch wird, kann auch Schmerzen haben, etwa durch ein schlecht sitzendes Geschirr oder Probleme am Bewegungsapparat. Wenn Ihr Hund hustet, nachdem er ins Halsband gezogen hat, lahmt oder sich ungern anleinen lässt, lassen Sie ihn tierärztlich untersuchen.
Häufige Fragen
Ist ein Halsband grundsätzlich verboten?
Nein. Ein normales, breites Halsband ist erlaubt und praktisch, etwa für die Hundemarke. Für einen Hund, der noch zieht, ist ein Brustgeschirr aber die schonendere Wahl.
Muss mein Hund „bei Fuß“ laufen?
Nein. „Bei Fuß“ ist eine eigene Übung für kurze Strecken, etwa an einer engen Stelle. Im Alltag reicht es, wenn die Leine locker durchhängt – egal, ob der Hund dabei vor, neben oder etwas hinter Ihnen läuft.
Mein Hund zieht nur am Anfang des Spaziergangs. Was tun?
Das ist sehr häufig. Viele Hunde sind nach dem Warten zu Hause voller Energie. Beginnen Sie den Spaziergang mit einer kurzen Schnüffelrunde oder etwas Spiel an ruhiger Stelle und starten Sie erst danach mit dem Leinentraining.
Wie oft soll ich üben?
Lieber kurz und oft als selten und lang. Einige Minuten konzentriertes Training pro Spaziergang bringen mehr als eine halbe Stunde, in der Sie und der Hund zunehmend frustriert sind.
Fazit
Leinenführigkeit ist keine Frage von Kraft, sondern von Klarheit und Geduld. Belohnen Sie, was Sie sehen möchten, lassen Sie das Ziehen ins Leere laufen und machen Sie es Ihrem Hund anfangs leicht. Ein gutes Geschirr schützt ihn, solange er lernt, und Hilfsmittel, die Schmerzen verursachen, sind weder nötig noch erlaubt. Wie sich die lockere Leine in eine gute Grunderziehung einfügt, lesen Sie in unserem Ratgeber Hundeerziehung und Hundetraining.
Quellen und weiterführende Informationen (4)
- Tierschutz-Hundeverordnung, § 2 Abs. 5 (Verbot von Stachelhalsbändern und schmerzhaften Mitteln)
- Pauli, Bentley, Diehl, Miller (2006): Effects of the application of neck pressure by a collar or harness on intraocular pressure in dogs, JAAHA 42(3)
- Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz (TVT): Merkblätter, u. a. Nr. 199 „Tierschutzwidriges Zubehör Hunde“
- Tierschutzgesetz, § 3


